24-stündiger Belastungstest für Mensch und Maschine

 

Vorbereitungen Alfsee

Eine gemütliche Sonntagsrunde um den niedersächsischen Alfsee – nein, die konnten wir bei den Deutschen Meisterschaften im 24-Stunden-Mountainbiken nun wirklich nicht erwarten. Es war im Vorfeld klar, dass die Strecke anspruchsvoll sein würde, dass sich das Wetter von seiner hässlichsten Seite zeigen könnte und dass die Konkurrenz einem nichts zu schenken hätte. Doch um eben jenen Kick, jene Herausforderung mitzuerleben, machten sich die Bergbeißer auf den Weg nach Rieste. Mit tatkräftiger Unterstützung unserer Freunde vom Team Mountain Attack starteten Florian Klaucke, Niels Störmann, Andreas Schulte und Christian Heimes bei den 4er Männern. Susanne Voll stellte sich sogar als Solistin einer namenhaften Konkurrenz.

Das Team für die Deutschen Meisterschaften am Alfsee v.l.n.r: Andreas Schulte, Niels Störmann, Florian Klaucke, Sven Klingschat, Christian Heimes

Das Team für die Deutschen Meisterschaften am Alfsee v.l.n.r.: Andreas Schulte, Niels Störmann, Florian Klaucke, Sven Klingschat und Christian Heimes

Während sich unser Bayer Christian bereits am Freitagabend ein gemütliches Plätzchen im Fahrerlager sicherte, reisten die Anderen am Samstagmorgen an. Sack und Pack waren im Transporter, der uns dankenswerterweise von der Firma Adolf Menschel zur Verfügung gestellt wurde, verstaut. Das Abenteuer konnte endlich beginnen. Den ersten Grund zur Freude gab es bereits beim Aufbau der Teambasis. Dank unseres Teamsponsors Stewe, hausen wir in dieser Saison unter einem eigenen Teamzelt. Unter strahlendem Sonnenschein machte das gute Stück nach dem Premierenaufbau einen sehr guten Eindruck. Vor Unwettern, wie wir sie bei diversen vergangenen 24-Stunden-Rennen erlebt haben, waren wir nun also in Sicherheit. Alles andere als unwetterverdächtig zeigte sich dagegen das Wetter in Rieste. Ein wolkenloser Himmel und wohltuende Sonnenstrahlen nahmen uns vor dem Start erste Sorgen. Entgegen der Prognosen vom Wochenbeginn war auch im Wetterbericht nichts mehr von erwarteten Regenschauern zu lesen. Und so war am Samstagmittag für den Kampf gegen die Uhr alles angerichtet – was will man mehr?! Innerhalb der nächsten 24 Stunden wurde eines jedoch zunehmend klar, unsere Bergbeißer waren alles andere als wunschlos glücklich. Mehr Schlaf, mehr Kraft, mehr Luft standen hier ganz oben auf dem Wunschzettel – doch dazu später mehr. Pünktlich um 14 Uhr läutete der mehrfache Olympiasieger und Weltmeister Udo Hempel, der als Moderater stets über das Renngeschehen informierte, den Countdown ein. 10, 9, 8, …, 3, 2, 1, Peng – die Deutschen Meisterschaften waren eröffnet.

Christian Heimes fegte als Startfahrer um den Alfsee

Christian Heimes fegt als Startfahrer um den Alfsee

Startfahrer Christian machte im 4er den Anfang. Anfangs einigten wir uns auf einen Fahrerwechsel nach jeder Runde. So lernten die Jungs die technisch anspruchsvolle Strecke möglichst schnell mit all ihren Tücken kennen. Für Susanne stellte sich die Frage nach der richtigen Taktik erst gar nicht. „Ich fahre einfach so lange wie es geht“, gab sie vor dem Start selbstbewusst an. Gesagt, getan! Beim rund 12 Kilometer Rundkurs um den Alfsee wurden Fahrer und Maschinen auf Herz und Nieren geprüft. Eine Passage zum Entspannen – Fehlanzeige! Die Strecke führte über Gerüstbrücken, Wurzelpassagen und entlang an Deichen. Neidisch mussten Christian und Andreas eingestehen, dass die Teamkollegen Niels und Florian auf ihren 29ern deutlich komfortabler durch das Feld hoppelten. Nach den ersten Runden pendelten sich die vier Jungs auf dem 20. Rang ein. Susanne bewegte sich währenddessen unter den Solistinnen auf dem 5. Platz.

Susanne Voll beim Plausch vor dem Start

Susanne Voll beim Plausch vor dem Start

Das Wetter spielte weiterhin mit, unsere Fahrer stellten sich immer besser auf den ruppigen Kurs ein und mir blutete zusehends das Herz. Hätte denn mein Mittelhandknochen beim Sturz in Sundern-Hagen direkt brechen müssen und mir somit meine komplette Saisonplanung aus den Fugen schießen müssen? Ich habe oft ein ernstes Wörtchen mit ihm gesprochen. Aber es half alles nichts, mir blieb die Zuschauerrolle. Umso glücklicher war ich, dass Florian spontan für mich eingesprungen ist. Einen besseren Ersatz hätte ich nicht finden können. Und so fieberte ich mit den Jungs mit als säße ich selbst auf dem Sattel. Susanne und unser 4er lieferte eine herausragende Performance. Doch mit Beginn der Abenddämmerung war mir mein eigener Sturz plötzlich präsenter denn je. Kurz vor der Wechselzone musste ich beobachten, wie Susanne mit einem schmerzverzehrten Gesicht, ihren rechten Arm hielt. Zu Fuß bewegte sie sich Schritt für Schritt in die Wechselzone. Sie muss gestürzt sein, das war unschwer zu erkennen. Schließlich stellte sich heraus, dass sie nach einem Bremsmanöver vor  der letzten Brückenauffahrt zu Fall gekommen war. Viel wichtiger – wie ging es ihr? Zahlreiche Schürfwunden und ein dicker Arm ließen nichts Gutes vermuten. Ihr Rennen war beendet. Doch das war nebensächlich, denn deutlich größere Sorgen bereitete uns ihr rechter Arm. Eine Rettungswagenfahrt und ein Röntgenbild später dann die traurige Gewissheit: Susanne hatte sich eine komplizierte Ellenbogenfraktur zugezogen. So hatten wir uns und vor allem sie sich das Wochenende nicht vorgestellt. Doch ebenso tapfer wie sich Susanne auf ihren absolvierten fünf Runden schlug, präsentierte sie sich am Abend im Fahrerlager. Mit Gipsarm verfolgte sie das weitere Renngeschehen und unterstützte die Teamkollegen. Es gibt Momente, da kann dieser Mountainbike-Sport ein A… sein. Dass er aber auch faszinierend sein kann, belegte die starke Vorstellung des 4ers.

Fahrerwechsel im Eilschritt

Fahrerwechsel im Eilschritt

Platz für Platz kämpfte sich das Quartett weiter nach vorne. Als wenn die Dunkelheit keine Rolle spiele, fegten die Jungs über die Piste. Zwischenzeitlich platzierten wir uns in den Top Ten. Im Morgengrauen spulten Florian, Niels, Andreas und Stehaufmännchen Christian ihre Runden ab und festigten einen 11. Platz. In dem Glauben, die Grenzen des eigenen Körpers längst überschritten zu haben, kämpften die Vier auf der Strecke um jede Sekunde. Ein Gedanke ans Aufgeben war ebenso weit entfernt wie der Glaube an die Weiterfahrt. „Ich weiß absolut nicht, wie ich gleich noch einmal auf das Rad steigen soll und die Runde hinter mich bringen soll“, brach es aus Niels heraus, nachdem er einen weiteren Husarenritt vollendet hatte. Alle anderen Teammitglieder nickten zustimmen und konnten die Gedanken nur zu gut nachempfinden. Ob es am Ende der schier grenzenlose Wille, das kurze Nickerchen im Liegestuhl oder die exzellente Verpflegung seitens des Veranstalters war –  eine Mischung aus allem sorgte wohl dafür, dass jeder Einzelne noch einmal über sich hinauswuchs.

Erst einmal die Füße hoch ...

Erst einmal die Füße hochlegen…

„4 Minuten Vorsprung, 8 Minuten Rückstand – 6 Minuten Vorsprung, 4 Minuten Rückstand – 3 Minuten Vorsprung, 6 Minuten Rückstand“ – die Zeitabstände zur Konkurrenz änderten sich ständig. Während wir mit einem Auge auf die Top Ten schielten, drohte von hinten weiterhin Gefahr. Auch wenn wir den 11. Platz kurz vor Ablauf der Zeit über 12 Stunden inne hatten, war klar, dass es gegen Ende noch einmal eng werden könnte. Das Teamzelt wurde kurzerhand zum Mathematik-Hörsaal umfunktioniert, Andreas gab den Dozenten: Wenn A die Zeit X fährt, dann auf B wechselt und B eine Y-Runde raushaut, dann hat C noch Z Minuten, um vor D ins Ziel zu kommen. Kompliziert und dennoch einfach – in der letzten Stunde muss noch einmal alles gegeben werden, fertig! Dass uns nach Ablauf der 24 Stunden, auf der wirklich allerletzten Runde, das BOC Team Osnabrück noch überholen würde, war trotz aller Theorien kaum abzusehen. Doch am Ende stand auf der Ergebnisliste in Schwarz auf Weiß: 12. Platz – Team Bergbeißer / Team Mountain Attack. Die Enttäuschung darüber währte ebenso lange wie das Zischen des Bieres nach dem Öffnen. Absolut zufrieden mit der erbrachten Leistung (43 Teamrunden) und der endgültigen Platzierung stießen wir mit einem wohlverdienten Erdinger Alkoholfreien an. Warum man sich solche Strapazen antut? Keine Ahnung! Ob man im nächsten Jahr wieder dabei ist? Auf alle Fälle! Bis dann hat sich auch Susannes elendiger Begleiter, der auf den Namen „Gips“ hört, aus dem Staub gemacht und wir können den Alfsee auf ein Neues rocken!

Bis dahin,

Sven