Bergbeißer trotzen dem Wind

 

Die Behausung der Bergbeißer für das 24h Rennen am Nürburgring

„Laut wetter.com beginnt es morgen Mittag gegen 12 Uhr zu Regnen“, „meine Wetterapp gibt eine Unwetterwarnung für die Eifel raus. Bis zum Abend sollte aber alles überstanden sein“, „Agrarwetter.de sagt: Bodenfrost 0h, UV-Index 4 und Globalstrahlung 3,7 kWh/qm“ – anders als sonst drehten sich die Gesprächsthemen beim alljährlichen Angrillen zu Rad am Ring nicht um bereits gesammelte Rennerfahrungen 2015, Alpenüberquerungen oder den neuen ultrareichen Carbonrenner. Sichtlich gemütlich ließen es Thomas, Björn und meine Wenigkeit am Freitagabend angehen.

Die "Bergbeißer-Festung" vor der Mercedes-Benz Tribüne am Nürburgring

Die “Bergbeißer-Festung” vor der Mercedes-Benz Tribüne am Nürburgring

Unser Teamzelt stand wie eine Eins, die Startbeutel waren sorgfältig auf dem jeweiligen Schlafplatz deponiert und es bestand die Gewissheit, dass uns Christian am Samstagmorgen mit einem interkontinentalen und reichhaltigen Frühstück wecken würde. Somit saßen wir entspannt am Grill, stießen mit den Zeltnachbarn auf ein erfolgreiches Wochenende an und machten uns über den frischen Nudelsalat her. Begleitet von einer herrlichen Abenddämmerung diskutierten wir also über das zu erwartende Wetter. Jedes unserer Smartphones spuckte dabei andere Daten aus. Von einem wolkenlosen Himmel bis hin zu Sturmböen war pünktlich zum Rennstart am Samstagmittag mit allem zu rechnen. „Wird schon alles nicht so wild werden. Wir sind ja bestens ausgestattet“, blickte ich dem Wochenende optimistisch entgegen. Und wie auch immer, jetzt war das Wetter gut und morgen kommt ein neuer Tag. Von wegen! Das zweite Weizenbier war noch nicht ganz vertilgt, da plätscherten die ersten Regentropfen buchstäblich aus heiterem Himmel. Doch viel wilder als der einsetzende Starkregen sollte der sich einstellende Sturm wüten. Es half alles nichts: Rein in die Regenjacken, weitere 20 Heringe in die Zeltösen donnern, Seitenwände von Pavillon und Schlafzelt anbringen, beschweren und mit Kabelbindern an allem befestigen, was nicht gerade den Anschein zur Verflüchtigung machte.

Ein grauer Himmel überschattet den Nürburgring

Ein grauer Himmel überschattet den Nürburgring

Und da saßen wir nun – in unserem Zelt, ohne ein Kartenspiel und mit der unglaublichen Vorfreude auf eine unruhige Nacht. Denn draußen sah es alles andere als nach einem kurzfristigen Wolkenbruch aus. Nunja, dank unserer nun 6. RaR-Teilnahme waren wir in einer standfesten Konzeption der Unterkunft erprobt. Für uns war es also nichts neues, dass der Eifeler Wettergott zu seinem persönlichen Katz und Maus Spiel ansetzte. Und trotzdem, wirklich glücklich waren wir mit der Situation nicht. Es half alles nichts. Früher als geplant verkrochen wir uns in den Schlafsack und horchten auf das windige Treiben. An Schlaf war jedoch nicht zu denken. Jedenfalls soll mir mal jemand zeigen, wie man unbekümmert einschlafen kann, wenn man stets damit rechnet, dass sich das schützende Dach über dem Kopf sekündlich verselbstständigen könnte. Darüber hinaus hatte sich das Wasser nun auch seinen Weg ins Zelt gebahnt und tropfte dort ungehindert auf unsere Schlafplätze. Nunja lange Rede kurzer Sinn, unsere Nachtruhe war am Samstagmorgen gegen sieben Uhr beendet – mehr oder weniger ohne Schlaf.

Nichts weiter zu tun außer auf besseres Wetter zu hoffen

Nichts weiter zu tun außer auf besseres Wetter zu hoffen

Dass wir dennoch Glück im Unglück hatten, verriet mir ein erster Blick über das Fahrerlager. Die noch stehenden Pavillons konnte ich an einer Hand abzählen. Ein Trümmerfeld von Alustangen und Zeltplanen bestimmte meinen morgendlichen Panoramablick. Während der Regen nun endlich etwas nachgelassen hatte, tobte der Wind weiter ungehindert über den Ring. Wir beschlossen die Sache in Ruhe anzugehen – erst einmal frühstücken. Etwas getrübt, dass Christian Rührei, Wiener Würstchen, Räucherlachs, eine Variation an Müsli  oder frischen Obstsalat scheinbar in Aachen vergessen hatte (mehr hatten wir ja gar nicht verlangt), genügten wir uns mit Aufschnitt, Marmelade und warmen Brötchen.

Küchenchef Christian hat aufgetischt

Küchenchef Christian hat aufgetischt

Der weitere Tagesablauf ist schnell erzählt. Denn bis wir auf dem Rad sitzen sollten, drehte sich lange Zeit nichts – außer dem Wind. Der Veranstalter entschied, den Start des Rennens erst auf 15 Uhr und letztendlich auf 20 Uhr zu verschieben. Was also anstellen mit einem Tag, an dem es das Wetter nicht einmal zulässt, am Rad zu schrauben oder einfach faul in der Sonne zu liegen (ähnlich sah die Rennvorbereitung in den vergangenen Jahren aus)? Wir schlenderten durch das Motorsportmuseum, verfolgten die Tour de France auf einer Großleinwand oder taten eben das was alle machten: Auf besser Wetter hoffen!

Endlich geht es los: Christian fiebert dem Start entgegen

Endlich geht es los: Christian fiebert dem Start entgegen

Noch immer windig, aber immerhin ohne unvorhersehbare Sturmböen startete das Rennen tatsächlich um 20 Uhr. Das Rennende dagegen wurde nicht verschoben, sodass uns nur noch 17 Stunden bevorstanden. Wie immer schickten wir Björn als Startfahrer auf seinen Ritt durch die Grüne Hölle. Nach einer fixen Einführungsrunde übernahm Christian den Staffelstab, ehe ich – verdammt ungewohnt – gleich mit meiner ersten Runde die Nacht einläutete. Scheinbar hatte der Wettergott in der Nacht zuvor jegliches Pulver verblasen. Denn auf meiner Runde traf mich weder ein Regentropfen, noch machte sich ein Hauch von Wind bemerkbar – warum denn nicht gleich so?! Als dann auch Thomas von der mit 25,1 Kilometern und 542 Höhenmetern bespickten Nordschleifen-Runde zurückkam, waren die ersten vier Runden im Sack.

Startfahrer Björn macht den Anfang

Startfahrer Björn macht den Anfang

Alles lief nach Plan und ohne Probleme. Erst als mich Christian am frühen Sonntagmorgen länger als sonst im Wechselbereich warten ließ, geriet unser D-Zug leicht ins Stocken. Zur Beruhigung schickte uns Christian von der Strecke eine Nachricht, dass es etwas länger dauern würde. Ein paar Minuten später erreichte er schließlich das Teamzelt. Aufgrund einer Erkältung fühlte sich Christian ohnehin nicht zu 100 Prozent fit. Diese scheinbar noch nicht vollständig auskurierte Erkältung sollte letztlich den Ausschlag dafür gegeben haben, dass Christian auf der Runde das gewohnte Tempo nicht halten konnte. Ohne ein weiteres Risiko einzugehen, beschlossen wir, das Rennen zu dritt zu beenden. Christians Part für die restliche Renndauer zu übernehmen war in meinen Augen nicht einmal halb so schlimm wie das fehlende Rührei am Morgen. Nun gut, der Mann hat ein Jahr Zeit zum Lernen.

Auf Svens Premierenrunde hat sich das Tageslicht bereits verabschiedet

Gemeinsam mit Rennradgrößen wie Sky-Profi Christian Knees, dem olympischen Silbermedaillen-Gewinner Roger Kluge oder dem Sieger der diesjährigen Österreich-Rundfahrt Victor de la Parte läuteten wir unter wunderbaren Bedingungen die zweite Rennhälfte ein. Unsere Rundenzeiten hielten sich konstant und erlaubten am Vormittag erste Hochrechnungen. Wenn niemand von uns auf die Idee kommen sollte, oben auf der „Hohen Acht“ eine lange Mittagspause einzulegen, müssten wir die 17 Runden problemlos abspulen können. Und so kam es am Ende auch. Zeitlich keine Chance auf eine 18. Runde, dafür aber mit viel Zeit für die 17. Runde machte ich mich zusammen mit Björn auf die finale Schleife. Ein letztes Mal im völligen Adrenalinrausch durch die Fuchsröhre schießen, ein letztes Mal die Qual über die teils 18 prozentige Steigung hinauf zur Hohen Acht ertragen und ein letztes Mal im Windschatten über die Döttinger Höhe ausharren.

Sven und Björn absolvieren die 17. Runde gemeinsam

Sven und Björn absolvieren die 17. Runde gemeinsam

Vor dem Ziel erwarteten uns dann auch Thomas und Christian, sodass wir die letzten Meter über die Zielgerade gemeinsam bestreiten konnten. In jedem Jahr gehört dieser Moment zweifelsfrei zu den schönsten des ganzen Wochenendes. Begleitet von „An Tagen wie diesen“ von den Toten Hosen nahmen wir unsere Medaillen entgegen. Auf den Ergebnislisten fanden wir uns auf Gesamtplatz 186 von 612 gestarteten Männer-4er Teams wieder.

Thomas, Christian, Björn und Sven (v.l.n.r.) bei der Zieldurchfahrt

Thomas, Christian, Björn und Sven (v.l.n.r.) bei der Zieldurchfahrt

Insgesamt feierten wir nach einem stürmischen Beginn nun einen gelungenen Abschluss. In diesem Sinne werden die Bergbeißer im nächsten Jahr wieder mit von der Partie sein. Vielleicht wird dann auch der Wettergott zum Radsportfreund und beschert uns ein rundum sonnenreiches Wochenende.

Fotos: Sportograf (4) / Privat (6)