Marathon – we did it!

Christian, Daniel und Sven vor dem Start

Christian, Daniel und Sven vor dem Start

Es heißt: Jeder Mann soll im Leben ein Haus bauen, ein Kind zeugen und einen Baum Pflanzen. Schön und gut, aber insbesondere sollte einen Mann einen Marathon laufen – jedenfalls in meiner Wahrnehmung. Wie verhält sich der Körper im Grenzbereich? Wie schnell kann man sein? Ist es überhaupt möglich das Ziel zu erreichen? Fragen über Fragen, auf die ich endlich eine Antwort haben wollte. Und so passte es mir ganz gut, dass Bergbeißer-Kollege Christian im Sommer 2014 für den Düsseldorf Marathon anfragte. Bis heute glaube ich, dass er es damals scherzhaft formulierte. Aber als ich dann spontan zusagte – auch eher aus einer Laune heraus – war unser beider Ehrgeiz entflammt. Immerhin war noch genügend Zeit. Mit der richtigen Ernährung und einem guten Trainingsplan kann das ja so schwer nicht sein – Pustekuchen! In der Vorbereitungsphase musste ich mir erneut eingestehen, dass nichts mehr kaputt gemacht wird, als gute Pläne. Zeitnöte, Verletzungspausen und leider immer häufiger die fehlende Motivation führten zu einer suboptimalen Vorbereitung. Sätze wie „Mensch, ich bin gestern 21 km gelaufen und kann mir unter keinen Umständen vorstellen, wie ich die gleiche Distanz noch einmal oben drauf legen soll“ beherrschten die alltäglichen Dialoge zwischen Christian und mir. Nicht selten wurde vom Gegenüber darauf standardmäßig gekontert: „Mach dir keinen Kopf – Bis zum Startschuss am 26. April ist noch genug Zeit zum Trainieren.“ Sehr gut, ein schlechtes Gewissen bezüglich mangelnder Trainingsvorbereitung oder Versagensängste waren für den Moment aus dem Weg geräumt. Und trotz allem, bis dato zählte das Absolvieren von 42,195 km zu einer utopischen Vorstellung. Die Frage war nicht WANN wir Ende April im Ziel am Düsseldorfer Rheinufer einlaufen würden, sondern OB wir überhaupt in den Genuss einer Teilnehmermedaille kommen würden. Aber irgendwie hat es immer gepasst. Mit dieser Einstellung absolvierte ich die finalen Vorbereitungswochen. Mal eine Intervalleinheit, dann wieder meine 10 km lange Hausrunde und zum Sahnehäubchen ein Lauf über die Halbmarathon-Distanz am Wochenende – möglichst abwechslungsreich sollte es sein. Und trotzdem, bis zuletzt hatte ich es verflucht, mich in die Starterlisten eingetragen zu haben.

Nervöses Warten auf den Startschuss

Nervöses Warten auf den Startschuss

Eine kleine Hoffnungsflamme loderte auf, als wir gut 2 Wochen vor dem Marathon gemeinsam zu einer knapp 32 km langen Trainingseinheit aufbrachen. Im gemütlichen Tempo drehten wir rund um Aachen unsere Runden. Schlecht lief es nicht – nur soviel. Was sollte nun also noch schiefgehen? Mit den Zuschauern am Streckenrand, weniger Höhenmetern und dem großen Ziel vor Augen konnte es kein Hexenwerk sein, die fehlenden 10 km zu meistern. Jaja, man kann sich alles schönreden. In der Zwischenzeit war Daniel, ein guter Kumpel und ausgewiesenes Läuferass, auf den Dampfer aufgesprungen. Fast täglich teilte er mir die Eckdaten seiner absolvierten Trainingsläufe mit: Gestern 23 km, heute 31 km und morgen noch einmal 10 km zum Auslaufen. „Mach du mal“, war meine Reaktion. Ich werde weiter an meinem konfusen, sehr launischen und im Prinzip nicht vorhandenen Trainingsplan festhalten. Und ohnehin war jetzt alles zu spät. Der Tag X war gekommen und ein Kneifen war ausgeschlossen. Gut eine halbe Stunde vor dem Start traf sich das Trio Infernal am Rheinufer. Tatsächlich hielt sich die Aufregung in Grenzen. Was sollte schon passieren? Ich laufe einfach, bis ich nicht mehr kann. Mit etwas Glück geht das über 42,195 km gut, im Normalfall aber breche ich schon viel früher auf der Strecke zusammen. Von dem warnwitzigen Plan, die magische 4-Stunden-Grenze zu knacken, verabschiedeten sich Christian und ich schon vor dem Start. Daniel dagegen wollte es mal probieren. Und so starteten wir pünktlich um 9 Uhr mit Tausenden anderer Bekloppter. Daniel lief schon nach gut 500 m aus unserem Blickfeld. Von nun galt es: Nicht zu schnell angehen, stets ein Auge auf dem Laufcomputer und immer reichlich trinken.

Da wird doch wohl nicht einer müde

Da wird doch wohl nicht einer müde

Die Strecke teilte sich in vier Abschnitte auf. Auf dem ersten knapp 11 km langen Abschnitt ging es in den Düsseldorfer Norden. Dann stand eine Schleife durch Oberkassel auf dem Programm. Nach Absolvieren des dritten Abschnittes in Richtung Zoopark trennte die Läufer lediglich ein Abstecher entlang der Kö vom Zielbogen am Rheinufer. Mit einer konstanten Pace von 6 Minuten und einem guten Gefühl bahnten wir uns einen Weg durch den Läufer-Dschungel. Dabei philosophierten wir über Gott und die Welt und motivierten uns gegenseitig. Als Zwischenziele dienten dann immer jene Standpunkte, welche wir im Vorfeld mit unseren treuen Begleitern am Streckenrand abgemacht hatten. In der Tat, die ersten 10 km gingen relativ leicht von der Hand und sorgten für ein kurzes Glücksgefühl. Im Glauben, dass wir auch tempotechnisch gar nicht so langsam unterwegs waren, wurden wir beim Passieren der Oberkasseler Brücke schlagartig auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Beim Überqueren des Rheines kreuzten sich unsere Blicke mit denen der Läufer aus der Spitzengruppe. Bei gleicher Startzeit hatten wir 11 km in den Beinen. Die Jungs gegenüber dagegen hatten schon 18 km hinter sich gebracht. Dass einige hundert Läufer schneller waren als wir, war zu erwarten – aber fast doppelt so schnell??? Es half alles nichts. Wir behielten unser Tempo bei und vertrauten auf Konstanz.

Anfangs reichte die Energie sogar noch für ein Marathon-Selfie

Anfangs reichte die Energie sogar noch für ein Marathon-Selfie

Mehr oder weniger gemütlich gingen wir auch den zweiten Abschnitt an. Sehr gut, die Hälfte war geschafft und die Beine zickten nicht rum. Sollte es doch etwas werden mit einem Finish bei der Marathonpremiere? Etwa bis Kilometer 24 wurden wir von diesem Hochgefühl begleitet. Dann aber traten die ersten kleinen Wehwehchen auf. Ein Ziehen in den Aduktoren, Beschwerden in der Schulter und das große Verlangen nach einer Cola – na klasse, so gemütlich wie bisher sollte es also nicht weitergehen. Während wir auf der ersten Hälfte noch ausreichend Luft für eine angenehme Unterhaltung hatten, wurde diese nun endgültig eingestellt. Auf stimmungsvolle Streckenabschnitte mit sehr vielen Zuschauern am Rand folgten leider auch immer wieder Passagen, auf denen sich alleine der innere Schweinehund zu Wort meldete. Jetzt war also die viel zitierte mentale Stärke gefordert.

Für einen Spaß mit den Fotografen reicht die Energie noch immer

Für einen Spaß mit den Fotografen reicht die Energie noch immer

Mit jeder Menge Ehrgeiz setzten wir einen Fuß vor den anderen – weiter und weiter. Verpflegungsstände waren nicht nur Willkommen, sondern von äußerster Notwendigkeit. Bis Kilometer 34 ging es noch irgendwie. Dann aber kam der berühmte Mann mit dem Hammer. Die Schmerzen in den Aduktoren breiteten sich auf beide Knie aus. Den Gelenken konnte man quasi dabei zuhören wie sie sagten: „Jetzt hör doch endlich einmal auf zu Laufen. Wir haben genug.“ Ein Blick hinüber zu Christian verriet mir, dass es mit seinem Wohlbefinden ähnlich schlecht stand. Zuvor hatte ich mir eingeredet, dass es sich sicher von selbst laufen ließe, hat man erst einmal nur noch 5 km vor sich. Ich hatte mich schlichtweg selbst beschissen. Nichts wurde einfacher, schon gar nicht wurde es zum Selbstläufer. Mittlerweile war ich an dem Punkt angekommen, an dem ich mich auf jeden einzelnen Schritt konzentrieren musste. Lange war es keine Selbstverständlichkeit mehr, dass ich wie von selbst einen vor den anderen Fuß setzte. Es war nicht lustig zu fühlen, wie aus einem federleichten Laufschuh-Topmodell ein tonnenschwerer Betonklotz wurde. Nichtsdestotrotz mussten wir das Ziel am Rhein erreichen. Alles andere hätte ich mir zu diesem späten Zeitpunkt des Rennes wahrscheinlich nie verziehen.

Christian und Sven bahnen sich den Weg durch den Läufer-Dschungel

Christian und Sven bahnen sich den Weg durch den Läufer-Dschungel

Noch einmal die Kö hinauf und wieder hinunter, dann war es tatsächlich nicht mehr weit. Anders als bei anderen Rennen, an denen ich bisher teilgenommen habe, konnte ich in Düsseldorf nicht einmal einen Kilometer vor dem Ziel sicher davon ausgehen, dass ich dieses auch erreichen würde. Erst als wir gemeinsam auf die Zielgerade einbogen, machte sich auf meinem Gesicht so etwas wie ein leichtes Grinsen breit. Während die Staffelläufer nach links abbogen, waren es für uns nur noch ein paar hundert Meter geradeaus. Nicht zu glauben, aber wir hatten es geschafft. Beim Überqueren der Ziellinie waren die Schmerzen für einen kurzen Moment vergessen. Erst im Ruhebereich führte kein Weg daran vorbei, sich doch erst einmal völlig entkräftet auf das Kopfsteinpflaster niederzulassen – das alkoholfreie Weizen musste auf sich warten lassen.

Der Moment beim Überqueren der Ziellinie - unbeschreiblich

Der Moment beim Überqueren der Ziellinie – unbeschreiblich

Postwendend informierte der Ergebnisdienst über unsere Zeit: 4:20 Stunden! Ob das nun schnell oder weniger schnell war, es war uns zu diesem Zeitpunkt herzlich egal. Wir hatten unseren ersten – und vorerst letzten – Marathon hinter uns gebracht, nur das zählte! Im Versorgungsbereich trafen wir dann auf Daniel. Mit einem breiten Grinsen berichtete er, dass er tatsächlich unter 4 Stunden geblieben war. „Alter Schwede“, dachte ich da nur. Und so konnten wir alle drei schon wieder lachen – wer hätte das nur einige Minuten zuvor gedacht?! Zur Feier des Tages kam uns nichts besseres in den Sinn, als diesen Tag mit einem Altbier an der längsten Theke zu begießen. Aktive Regeneration soll sich so etwas nennen. Ein 4 Tage andauernder Muskelkater konnte jedoch auch durch diese Maßnahme nicht verhindert werden. Und so lernten wir den Mythos Marathon etwas besser kennen – mit alles was dazugehört.

Endlich geschafft: Das vereinte Trio im Ziel

Endlich geschafft: Das vereinte Trio im Ziel