P-Weg Klassentreffen in Plettenberg

Das obligatorische Bergbeißer-Teamfoto darf bei keinem P-Weg fehlen

Das obligatorische Bergbeißer-Teamfoto darf bei keinem P-Weg fehlen

Wenn das P-Weg Marathonwochenende in Plettenberg ruft, dann kommen sie alle – und zwar schon am Freitag. Zur traditionellen Pastaparty und der Eröffnung der Veranstaltung. Zu den ersten Rennen der jüngsten Teilnehmer wird die Stadt richtig voll. Der Freitagabend hat dabei den Charakter eines großen Klassentreffens. Trainingspartner, Teammitglieder und Betreuer reisen aus der gesamten Bundesrepublik an und knubbeln sich an diesem Abend unter dem Stephansdachstuhl zu einer Masse mehr oder weniger ambitionierter Hobbysportler. Beim Aufeinandertreffen dauert es dann in der Regel keine 5 Minuten, ehe der Gesprächspartner mal aktiv, mal passiv den Fitnesszustand seines Gegenübers abcheckt. „Was hast Du Dir dieses Wochenende so vorgenommen? Du bist momentan richtig gut drauf, habe ich gehört.“ – ein Gesprächsanfang, auf den in der Regel drei potentielle Antwortmöglichkeiten folgen können: Der Optimist berichtet von seinen Plänen, die persönliche Bestzeit gleich um mehrere Minuten unterbieten zu wollen. Der Realist wägt sein Trainingspensum und seinen Erfahrungsschatz ab und gibt eine oftmals sekundengenaue Einschätzung der eintretenden Zielzeit an. Der Pessimist dagegen zweifelt bis kurz vor dem Startschuss am eigenen Überschreiten der Ziellinie. Gewöhnlich stellen 99% aller Sportler am Freitagabend einen Hybrid zwischen Realist und Pessimist dar, Tendenz klar in Richtung Pessimist. Und dabei ist es weniger entscheidend, wie viele Trainingskilometer dann wirklich in den Oberschenkeln der Akteure schlummern, denn am folgenden Satz wird sich nie etwas ändern: „Ich habe dieses Jahr fast gar nichts gemacht und bin dementsprechend überhaupt nicht fit.“ Ja ne, ist klar! Spätestens an einem der beide Folgetage fliegt die Lüge auf. Ich selbst stand am Samstagmorgen am Start der Halbmarathondistanz. Ich würde sagen, dass ich bis dato den Realisten gemimt habe, der im tiefen Inneren aber noch auf den Optimisten gehofft hatte. Denn ein weiteres Läufergesetz lautet: Es ist egal, wie viel Du wirklich trainiert hast, Du wirst Dich immer an Deiner persönlichen Bestzeit orientieren. In meinem Fall erwies sich diese Herangehensweise als fataler Fehler – doch erst einmal der Reihe nach. Wir gingen in diesem Jahr mit vier Bergbeißern auf die Laufstrecke. Während auf Christian und mich die kurze Kombiwertung warten sollte, durften sich Berit und Torben am Samstagabend auf einen mehr oder weniger entspannten Sonntag in der Zuschauerrolle freuen. Außentemperaturen von über 30 Grad Celsius sind für mich erfahrungsgemäß 30 Grad zu viel. Egal, Bestzeiten sind auch schon bei noch höheren Temperaturen gefallen. Und so verfolgte ich von Anfang an meine fein ausgeklügelte Renntaktik – einfach einmal Laufen und gucken was die Beine sagen.

Ein toller Sportgrafen-Schnappschuss zeigt Sven auf der Laufstrecke

Ein toller Sportgrafen-Schnappschuss zeigt Sven auf der Laufstrecke

Motiviert durch meine – teils sehr schnell angehenden – Mitstreiter sowie die regelrechten Zuschauermassen am Streckenrad meisterte ich den ersten knackigen Aufstieg hinauf zur Wieckmerth. Auf dem Weg nach Landemert musste ich dann feststellen, dass lange Beine bergab nicht alles sind. Darauf bedacht, meinen Puls im Rahmen zu halten, musste ich den einen oder anderen Läufer ziehen lassen. Darunter auch Christian, der bei strahlendem Sonnenschein zur Höchstform auflief. Nicht ganz im Soll, aber dennoch im vertretbaren Bereich erreichte ich nach rund 9 Kilometern das Dorfzentrum in Landemert. Junge, Junge, was war da los… Bei dem Versuch, die Verursacher lautstarker „Sveeeeeeeeen“-Ausrufe zu identifizieren, blickte ich vergebens in eine wahre Wand aus Menschen. Es sind auf den über 21 Kilometern eben genau jene 100 Meter voller Anfeuerungsrufe, die das an sich idiotische Vorhaben Halbmarathon so einigermaßen rechtfertigen und erträglich machen. An dieser Stelle schon einmal danke an Euch Verrückte, die mir für einen kurzen Moment Flügel verliehen – ganz ohne den Brause-Chemie-Mist aus der Dose. Doch keine 5 Minuten nach diesem Hochgefühl dann der Knall: Peng, die Luft war schlagartig raus. Solarpaneele hätten auf den gut 160 Höhenmetern hinauf zum Bärenberg ihre wahre Freude gehabt. Hätte man mit ihnen den gesamten Schotterweg ausgelegt, hätte meine Verweildauer auf dieser Strecke wohl ausgereicht, um drei Tage lang eine Stadt wie Plettenberg mit reichlich Energie versorgen zu können – kurzum: Es war s…. heiß! Mein Kollege neben mir wechselte kurzerhand die Disziplin und setzte sich fortan als gemächlicher Walker in Bewegung. „Das mit dem Laufen hat hier hoch eh keinen Sinn“, lautete seine kurze Begründung. Das klang plausibel, also setzte auch ich erstmals bei einer Teilnahme an einem Laufwettbewerb die Technik „Spazierengehen“ ein. Und siehe da, der Puls sackte in den Keller, die Sauerstoffversorgung stieg an und aufkommende Knieschmerzen hielten sich vorerst zurück – coole Sache. Das Ganze hatte einen Haken: Ich befand mich ja immer noch in einem Wettkampf und die Zeit auf der Uhr tickte nicht langsamer. Egal, für den Moment konnte ich keinerlei Motivation finden, mich aus meiner Komfortzone heraus zu bewegen. Beim größten Bauern des Bärenberges angekommen, versuchte ich es dann wieder im Laufschritt, aber so wirklich wollte der Rhythmus nicht zurückkommen. Und so schleppte ich mich weiter – mal laufend, mal gehend – in Richtung Ziel. Vor dem Einstieg in den erlösenden Saley-Trail in Richtung Stadt lies ich mich von einigen netten Streckenposten noch einmal mit einem Becher Wasser versorgen – die angebotene Frikadelle lehnte ich dankend ab. Beim Blick zurück auf die Strecke traute ich meinen Augen nicht. Mit großen Schritten rauschte Torben im auffälligen Bergbeißer-Dress heran. Seinen Abstand auf mich schätzte ich zu diesem Zeitpunkt auf gut 300 Meter. Nun stand ich vor der Entscheidung: a) Auf die Zähne beißen und hoffen, dass der Abstand weiterhin Bestand hielt oder b) Torben auflaufen lassen und mit ihm gemeinsam die Ziellinie überqueren. Meine nicht mehr vorhandenen Kräfte in den Beinen nahmen mir die Entscheidung ab. Dann sollte es eben ein Finish à la Hahner-Zwillinge in Rio werden. Gefühlte 100 Meter vor dem Ziel erblickte ich dann einen breit grinsenden Torben an meiner Seite. Arm in Arm mit einem mehr oder weniger gekünzeltem Lächeln ging es dann durch das Ziel. Naja wenigstens der Plan mit dem Foto ging in Erfüllung.

Im Stile der Hafner Zwillinge überqueren Torben und Sven die Ziellinie

Im Stile der Hafner Zwillinge überqueren Torben und Sven die Ziellinie

Während die Zeit von 2:05 Stunden bei mir selbst weniger Grund zur Freude auslöste, tat es das Weizenbier im Zielbereich umso mehr. Kurze Zeit später sollte Berit die Runde der gequälten aber auch irgendwie erleichterten Finisher erweitern.

Berit und Sven freuen sich nach dem Halbmarathon über ihre Medaillen

Berit und Sven freuen sich nach dem Halbmarathon über ihre Medaillen

Part 1 war also schon einmal geschafft. Spätestens als ich am Nachmittag noch ein wenig an meinem Mountainbike rumschraubte und für eine kurze Testrunde auf den Sattel springen wollte, stellten sich erste Zweifel an Part 2 ein. Beim Schwung über das Oberrohr machte ein hässlicher Oberschenkelkrampf von sich reden. Naja, Pferdesalbe drauf und abwarten. Am nächsten Morgen ging es mir erstaunlich gut. Na klar, die Beine waren schon schwer, aber alles andere hätte ich auch als Selbstbetrug empfunden. Für das Rennen über 45 km hatte ich mir nur eines vorgenommen: Ich möchte mir selbst nie wieder fehlenden Biss vorwerfen müssen. Zusammen mit Venti machte ich mich am frühen Sonntagmorgen auf den Weg zum Treffpunkt der Bergbeißer. Nachdem wir die Langstreckler auf die Strecke geschickt hatten, das obligatorische Teamfoto geschossen hatten und ein paar wenige Kilometer zum Warmfahren eingetütet waren, fand ich mich in der Startaufstellung neben Kombinator Christian, Mister-Immer-Druck-Auf-Den-Pedalen Andreas, Kilometerschrubber Henry und Transalp-Bezwinger Alex wieder.

Das BB-Quartett freut sich auf den Start: Christian, Henry, Andreas und Sven (v.l.n.r.)

Das BB-Quartett freut sich auf den Start: Christian, Henry, Andreas und Sven (v.l.n.r.)

Gut gelaunt erwarteten wir den Startschuss. Als jener gefallen war, konnten sich Andreas, Henry und Alex etwas absetzen. Christian und ich bummelten aber auch nicht und machten schon vor der ersten Steigung einige Plätze gut. Den Anstieg hinauf zur Sehnsuchtsbirke meisterte ich, wie sollte es bei all den Zuschauern und dem so aufkommenden L’Alpe d’Huez Feeling auch anders sein, ganz gut. Auf der Abfahrt konnte Ventil zu mir aufschließen, sodass wir fortan gemeinsame Sache machten. Beim gefürchteten Anstieg auf das Dach der Hohenwibbecke mussten wir leider zur Kenntnis nehmen, dass Andreas dank Plattfuß zum Anhalten gezwungen wurde. Henry war ihm postwendend zur Hilfe geeilt. Der nächste teaminterne Defekt sollte mich dann leider mich erwischen. Auf den letzten ansteigenden Metern vernahm ich ein „Eiern“ meines Vorderrads. Die Diagnose war schnell getroffen: Der Schnellspanner hatte sich gelöst – warum auch immer. Dieser war zwar schnell wieder angezogen, der Kontakt zu Venti aber leider abgerissen. Als mir das gleiche Malheure nur unmittelbar vor der Blemcke-Abfahrt ein zweites Mal ereilte, sah ich es schon vor meinem inneren Auge: „Sven Klingschat – DNF.“ Denn einen Schnellspanner schleppe ich in der Regel nicht in einer meiner Trikottaschen mit. Also habe ich das Dingen noch einmal angezogen und gehofft, dass alles gut geht. Mit einem dementsprechend mulmigen Gefühl ging es dann mit 60 Sachen nach Eiringhausen. Meine Hoffnung, für das lange Asphaltstück vorbei an Altenheim und Aqua Magis eine gut harmonierende Gruppe zu finden, musste ich leider schnell begraben. Weit und breit konnte ich vor oder hinter mir keinen weiteren Windschattenspender ausfindig machen. Allein auf weiter Flur musste ich dann auch leider mit ansehen, wie Venti kurz vor der Brücke am Freizeitbad mit einem verbundenen Bein am Streckenrad saß.

Die Gerüstbrücke am Freizeitbad Aqua Magis zählt in jedem Jahr zu den P-Weg Highlights

Die Gerüstbrücke am Freizeitbad Aqua Magis zählt in jedem Jahr zu den P-Weg Highlights

Während ich mit den Gedanken noch bei Venti war, nahm ich Blickkontakt zu einer mir vorausfahrenden Gruppe auf. Und was sah ich da? Einen Bergbeißer am Ende der Gruppe. Fortan nutzte ich allen verbleibenden Restsauerstoff um herauszufinden, wer das denn wohl sein könnte. Schließlich war ich bis dato davon ausgegangen, dass nur Bergbeißer Steve alias Stielou der Clown vor mir sein könnte. Aber bei dem vorausfahrenden Bergbeißer konnte ich weder lange rote Haare, noch eine rote Nase ausmachen. Des Rätsels Lösung war denkbar einfach: Gas geben und aufschließen. Dies sollte mir im Laufe das Anstieges nach Hilfringhausen auch gelingen. Und siehe da, mein langjähriger Teamkollege Bernd hatte sich – scheinbar während meines Schnellspannerproblemes – an mir vorbeigeschoben. Also wieder eine gemeinsame Zieldurchfahrt? Wir können es ja einmal versuchen. Am Berg spannte ich mich als Dampflok vor Bernd. Unser Gespann funktionierte recht gut, sodass ich mir Nutzen von Bernds Downhill Künsten versprach. Auch hierbei waren wir beide kaum zu bremsen. Ob vernünftig oder unvernünftig, ich versuchte einfach blind Bernds Spur zu halten.

Mit geballter Faust über die Mountainbikestrecke

Mit geballter Faust über die Mountainbikestrecke

Vor den letzten Serpentinen am Hestenberg schoben sich im Positionskampf dann aber doch noch zwei Fahrer zwischen uns, wovon mich einer einige Sekunden und schließlich auch den Anschluss zu Bernd kostete. In der Stadt angekommen sorgten dann herzlich unwillkommene Krämpfe dafür, dass ich die Lücke zu Bernd nicht mehr schließen konnte. Was soll es, das Ziel erreichte ich dann zusammen mit Cedrik, der wiederum kurz nach dem Tunnelportal auftauchte. 2:16 Stunden waren meiner Garmin-Uhr zu vernehmen. Zeit hin oder her, anders als noch am Samstag hatte ich wenigstens das Gefühl, alles gegeben zu haben. Dementsprechend zufrieden ließ ich den Tag zusammen mit allen weiteren Bergbeißern gemütlich ausklingen.

Bis zum nächsten Jahr!

Sven

Fotos: Sportograf (4), Privat (3)