Saison 2015 mit drei Höhepunkten

Ja, das war sie heute: Meine erste Trainingseinheit im neuen Jahr. Wobei… wenn ich ehrlich bin war es eher ein Rumgeschlappe über die vereisten Braunschweiger Waldwege. Während der gemessene Puls allerhöchste Wettkampfbelastungen vermuten ließ, erinnerte die eingeschlagene Pace an einen Spaziergang zum Entenfüttern. Naja was soll es, je langsamer die Trainingsläufe am Anfang sind, desto schneller kommen Fortschritte und Erfolgserlebnisse – hoffentlich. Doch ginge es nach meiner teuren Fitnessuhr, ist jetzt erst einmal Pause angesagt: „4 Tage Erholungszeit“ leuchtete grell auf dem Display auf, ehe ich fix und fertig auf das äußerst verlockende Sofa fallen konnte. Okay, dann bleibe ich eben vier Tage hier liegen – man reiche mir Chips und Bier!

Eine erste Trainingseinheit 2016: Check!

Eine erste Trainingseinheit 2016: Check!

Aber eigentlich wollte ich gar nicht von meinen heutigen läuferischen Kunststücken berichten, sondern viel mehr von den Gedanken, die mir auf den knapp neun Kilometern durch das sauerstoffunterversorgte Hirn gingen. Bei meiner neuen Hausrunde um den See habe ich das vergangene Sportjahr Revue passieren lassen. An vielen Wettkämpfen habe ich nicht teilgenommen. Auf dem Rad schaffte ich sage und schreibe zwei ganze Renneinsätze. Trotzdem war das Jahr 2015 aus sportlicher Sicht ein ganz besonderes für mich – standen doch gleich drei Höhepunkte auf dem Wettkampfkalender. Insbesondere die erste zu nehmende Hürde war von Furcht und Vorfreude gleichermaßen geprägt. Christian und ich hatten uns zum Düsseldorf-Marathon angemeldet. „So etwas muss man ja schließlich einmal mitgemacht haben“, hatten wir uns im Vorfeld eingeredet. „Nein, muss man nicht!“, habe ich nach der Zielankunft am Rheinufer geflucht.

Auf den ersten Kilometern ist das Bergbeißer-Duo noch gut gelaunt

Auf den ersten Kilometern ist das Bergbeißer-Duo noch gut gelaunt

Wie bekloppt muss man sein, seinem Körper über 42,195 Kilometer und daraus resultierenden 4:20 Stunden Bewegungszeit solche Strapazen anzutun. Wenn man sich auch 100 Meter vor dem Ziel nicht sicher ist, ob man dieses wirklich noch erreicht, wenn Bordsteinkanten einer Gipfelbesteigung gleichkommen und wenn das Verdauen einer halben Banane zur biologischen Grenzaufgabe wird, dann kann man nicht mehr von Spaß reden. Ich höre mich heute noch sagen: „Wenn ich je noch einmal auf die Idee kommen sollte, bei solch einem Quatsch mitzumachen, haltet mich mit allen Kräften davon ab.“ Doch jetzt, über ein halbes Jahr danach verspüre ich Reize wie „Mach es noch einmal und dann unter vier Stunden“ oder „Die lange Kombiwertung beim P-Weg (42,2 km Laufen + 93 km MTB) wäre doch auch mal eine Herausforderung“. Warten wir erst einmal ab was daraus wird.

Kaum zu glauben aber wahr: Wir haben das Ziel erreicht!

Kaum zu glauben aber wahr: Wir haben das Ziel erreicht!

Aber wie dem auch sei, der erste Höhepunkt des Jahres stellte gleichzeitig die größte Hürde dar. Zurückblickend hat das Bergbeißer-Duo Fornaroli/Klingschat diese mehr oder weniger souverän genommen – auf zum nächsten Glanzpunkt: Rad am Ring auf der berühmt berüchtigten Nordschleife. Erneut mit Christian im Schlepptau ging es aus Aachen in die Eifel. Dort trafen wir auf unsere Leidesgenossen Thomas und Björn. Das eine oder andere 24h Rennen hatten wir bis dato ja bereits zusammen durchgestanden und so sollte uns so schnell nichts aus der Bahn werfen können – denkste! Obwohl das Rennen gewöhnlich erst am Samstagmittag startet, reist ein Großteil des Teams traditionell schon am späten Freitagnachmittag an um nicht etwa die Räder sondern vielmehr das Teamzelt und insbesondere den Grill in Position zu bringen. So auch 2015. Bei bestem Wetter bauten wir mit aller Routine das Zelt auf, ehe wir es uns bei Weizenbier und Rostbratwurst gut gehen ließen. Leider sollte diese Phase des Wohlfühlens nicht ewig anhalten. Kurz nachdem wir die Startunterlagen abgeholt hatten, zog das zwar vorhergesagte, aber natürlich maßlos unterschätzte Unwetter auf. Auch das waren wir aus der Eifel ja bereits gewohnt, doch so schlimm wie im letzten Jahr hatte es uns zuvor noch nie erwischt. Während auf der GP-Strecke Pavillons und Zelte rebellierten, blieb uns nur der Funke Hoffnung, dass und wenigstens das Teamzelt die Treue hielt. Am nächsten Morgen konnten wir eine erste Bilanz ziehen: Keine Schlafminute, aber immerhin noch ein Dach über dem Kopf – allerbeste Voraussetzungen für ein noch bevorstehendes 24h Rennen. Da sich vor allem der Wind in der Region rund um die Nürburg heimisch zu fühlen schien, traf der Veranstalter am Samstagmittag eine Entscheidung: Der Startschuss fällt erst um 20 Uhr, wir veranstalten ein 17h Rennen – öfter mal was Neues.

Warten statt Fahren: Vorerst hatte uns der Wind in der Eifel gewaltig ausgebremst

Warten statt Fahren: Vorerst hatte uns der Wind in der Eifel gewaltig ausgebremst

Zwar war es ebenso ungewöhnlich, am Nachmittag ausreichend Zeit zu haben, um sich beim kurzerhand organisierten Public Viewing das Tour de France Etappenfinale anzusehen, wie als vierter Fahrer die erste Runde gleich in voller Scheinwerfer-Montur zu meistern. Im Vergleich zu dem Vorspiel verlief das Rennen selbst relativ unspektakulär. Nach alter Väter Sitte gingen wir in der „Fuchsröhre“ auf Geschwindigkeitsrekordjagd, sehnten an der „Hohen Acht“ eine flache Neun herbei und schauten uns auf der „Döttinger Höhe“ oftmals vergebens nach einem heiß ersehnten Windschattenspender um. Unterm Strich hatte das Bergbeißer-Quartett jedoch wieder jede Menge Spaß. Die Teilnahme 2016 ist natürlich bereits gesichert.

Ungewohnt dunkel war es auf meiner ersten Runde über die Nordschleife

Ungewohnt dunkel war es auf meiner ersten Runde über die Nordschleife

Auf zum letzten Höhepunkt: Wie in jedem Jahr spielt der heimische P-Weg eine ganz besondere Rolle. Mit einem Marathon in den Beinen stellte sich dabei gar nicht erst die Frage, ob ich das Ritual des Startes in der Kombiwertung nicht doch noch einmal abändern sollte. Dabei war ich 2016 besonders motiviert, hatte sich doch mit unserem geschätzten Teamkollegen Venti ein weiterer Bergbeißer für die kurze Kombiwertung angemeldet. Gegenseitig verfolgten wir im Vorfeld unsere Trainingserfolge via Strava-App. Zugegeben, ich habe mich so manches Mal von der Couch in die Lauf- oder Radklamotten geschmissen, nur um am Ende der Woche mehr Strava-Kilometer als Venti vorweisen zu können – hat leider nur selten geklappt. Kurz vor Redaktionsschluss hatte Venti mir dann doch immer wieder noch einen strammen Dauerlauf auf das Display meines Smartphones serviert. Jetzt kann ich es ja sagen: Der P-Weg 2015 war gleichermaßen auch ein teaminternes Duell zwischen Venti und mir. Denn gefühlt waren wir sowohl läuferisch, als auch auf dem Bike auf etwa einem Leistungsniveau – auch wenn dieses nicht besonders hoch war.

Ein gewohntes Bild am P-Weg Samstag: Venti stets ein paar Schritte voraus

Ein gewohntes Bild am P-Weg Samstag: Venti stets ein paar Schritte voraus

Und tatsächlich, beim Halbmarathon am Samstag ist der eine dem anderen nicht von der Seite gewichen. Erst auf den letzten Metern zeigte sich, dass Venti scheinbar einen größeren Durst auf das langersehnte Zielbier verspürte. Ganze 12 Sekunden vor mir erreichte die Trainingsbestie das Ziel – Zeit genug, um mir mindestens zwei Schlucke voraus zu sein. Hut ab, schließlich war es für Venti der erste Halbmarathon überhaupt. Einen solchen auf Anhieb nach nur rund 1:50 Stunden abzuschließen ist mehr als respektabel. Mit Rückstand ging ich also in die Halbzeitpause. Seite an Seite gingen wir dann auch am Sonntag auf dem MTB an den Start. Dass ich mich im Rennen selbst von Beginn an etwas von Venti absetzen konnte ist insbesondere dem Umstand zu Schulden, dass ich mich uneingeschränkt in den Schweizer Bergbeißer-Express um Jürg und Tristan eingliedern konnte. Die beiden Hüter des löchrigen Käses machten ordentlich Dampf und motivierten mich zum maximalen Laktatausschuss.

Der Bergbeißer-Express: Die beiden Schweizer Lokomotiven Jürg und Tristan und ich als Kesselwagen hinten dran

Der Bergbeißer-Express: Die beiden Schweizer Lokomotiven Jürg und Tristan und ich als Kesselwagen hinten dran

Nach einer Weile gesellte sich Deutschlands schnellster Clown zu uns: Stielou! Zu viert kämpften wir uns über das matschige Terrain und vorbei an den zahlreichen Zuschauern. Dass anders als gewohnt bei mir erst am Grävinglöh anstatt bereits in Selscheid die leidvollen Wadenkrämpfe einsetzten, spielte mir natürlich in die Karten. Von dort aus  musste ich mehr oder weniger nur noch rollen lassen. Krampfgeplagt aber glücklich erreichte ich schließlich das Ziel am Alten Markt. Für genau 12 Sekunden blickte ich gebannt über die Schulter, die Ziellinie streng fokussiert. 10, 11, 12, ….. 13! Geschafft, das teaminterne Duell geht an mich! Knapp drei Minuten nach mir durfte auch Venti vom Rad steigen. Bis dato war ich mit 5 zu 2 Schlucken Bier in Führung. Doch Spaß beiseite, im Endeffekt waren wir beide stolz auf die erbrachte Leistung. Gerade beim Laufen am Vortag hat Venti eine bärenstarke Performance gezeigt. Und so diente der P-Weg als versöhnlicher Saisonabschluss eines kurzen aber dennoch ereignisreichen Sportjahres 2015. Stand jetzt wird es 2016 keinen Marathon geben. Aber sowohl am Ring als auch beim P-Weg werde ich wieder mit von der Partie sein. Wenn ich es jetzt noch schaffe, einen Schritt aus der eigenen Komfortzone heraus zu tätigen, bin ich für das Bevorstehende guter Dinge! Wir sehen uns auf der Piste…

Euer Klingel